Von: Bernd Schossadowski

#Harpe / #Bad Bodenteich – Einst trennte an dieser Stelle ein mächtiger Metallgitterzaun die beiden deutschen Staaten. Heute deutet lediglich eine unscheinbare gelbe Linie im Asphalt darauf hin, dass Niedersachsen endet und Sachsen-Anhalt beginnt. Die Kreisstraße zwischen Harpe (Lüchow-Dannenberg) und Dahrendorf (Altmark) ist ein historischer Ort. Bis zur Wiedervereinigung verlief dort die DDR-Staatsgrenze mitten auf der Fahrbahn. Direkt daneben – auf westlicher Seite – errichtete der Bundesgrenzschutz 1973 eine hölzerne, etwa fünf mal fünf Meter große Aussichtsplattform. Dieses Relikt der deutschen Teilung vor dem Verfall zu retten, haben sich jetzt zwei Museen auf die Fahnen geschrieben.

Die beiden Museumsleiter Dietrich-Wilhelm Ritzmann (links) und Friedhelm Schulz wollen die alte Aussichtsplattform an der ehemaligen DDR-Grenze vor dem Verfall retten. ©Bernd Schossadowski

„Es wäre sehr bedauerlich für unsere ehrenamtliche Arbeit, wenn es diese Plattform nicht mehr gäbe. Sie ist ein wichtiges Anschauungsobjekt“, sagt Friedhelm Schulz, Leiter des Museums Deutsche Einheit (MDE) in Bad Bodenteich. Laut einer Infoplakette am Fuß des vier Meter hohen Holzgestells handelt es sich um eine der letzten bundesdeutschen Aussichtsplattformen an der einstigen Grenze. Sie ermöglichte einen Blick über die Sperranlagen der DDR-Grenztruppen.

Doch das Bauwerk, das auf einer Fläche des Landkreises Lüchow-Dannenberg steht, ist einsturzgefährdet. Besucher betreten es auf eigene Gefahr. Stufen und Geländer sind brüchig, die Holzbohlen morsch, der Maschendrahtzaun zerrissen. Äste und Blätter einer großen Eiche reichen mittlerweile direkt auf die Plattform.

„Für unser Museum ist es Gold wert, dass wir dieses Objekt noch haben“, sagt Schulz. Bei Wanderungen und Motorradtouren des MDE werde die Plattform regelmäßig besucht. Künftig wolle sein Museum weitere Gruppen dorthin führen. „Das könnte sich zu einem touristischen Punkt entwickeln“, glaubt Schulz.

Außerdem kann er sich vorstellen, dort eine Infotafel aufzustellen, auf der der frühere Grenzverlauf am „Harper Bogen“, so die Bezeichnung dieses Gebiets, erklärt wird. Schulz freut sich, dass der Bewuchs rund um die Plattform im Sommer zurückgeschnitten wurde.

Denkmalschutz ist das Ziel

Auch Dietrich-Wilhelm Ritzmann vom Swinmark-Grenzlandmuseum in Göhr bei Schnega (Lüchow-Dannenberg) setzt sich für den Erhalt der Plattform ein. Ebenso wie Schulz hofft er, dass das Objekt unter Denkmalschutz gestellt wird. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg sei bereits informiert worden, schildert Ritzmann. Inzwischen habe es auch einen Ortstermin gegeben. Das letzte Wort habe die Obere Denkmalschutzbehörde des Landes Niedersachsen.

Im nächsten Schritt, so der Wunsch von Schulz und Ritzmann, sollte die Plattform umfassend saniert werden, damit sie gefahrlos betreten werden kann. „Unsere beiden Museen würden dafür Fördermittel einwerben“, kündigt Schulz an.

Das Geländer der Plattform ist brüchig, der Drahtzaun zerrissen, die Holzbohlen morsch. © Bernd Schossadowski

Ritzmann weist auf eine weitere Besonderheit hin: Zwischen Harpe und Dahrendorf verlief die innerdeutsche Grenze einst in einem markanten Bogen. Der Legende nach sei dieser 1945 durch ein Trinkgelage zwischen alliierten Soldaten und örtlichen Landwirten entstanden, so Ritzmann. Diese hätten allerlei Speisen und Whisky aufgefahren, um den geplanten Grenzverlauf zu verändern: Das Dorf Harpe sollte nicht der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen werden, sondern dem Gebiet der West-Alliierten. Im Alkoholrausch, so die Erzählung, sei die Grenze neu gezogen worden, sodass das heutige Sachsen-Anhalt einige Hektar Land inklusive des Dorfes Harpe verlor.

Auf DDR-Gebiet stand einst dieser Metallgitterzaun. Genau in der Mitte des Weges verlief die Grenze. © privat

Und dann gab es noch einen dramatischen Zwischenfall Anfang der 1970er-Jahre. „Ein Offizier der DDR-Grenztruppen hat hier einem Streifenführer des Bundesgrenzschutzes die Maschinenpistole gestohlen und ist damit verschwunden“, erzählt Schulz. „Es gab auch ein kurzes Gerangel. Das hat höchste Aufregung beim BGS verursacht.“ Die Waffe sei nicht wieder aufgetaucht, der Dieb niemals ermittelt worden. „Funkgeräte des BGS wurden auch gestohlen“, erinnert sich Ritzmann. Ebenso wie Schulz ist er froh, dass diese Zeiten, ebenso wie die innerdeutsche Grenze, der Vergangenheit angehören.

Quelle: Von: Bernd Schossadowski

Allgemeine Zeitung vom 21.09.2026

https://www.az-online.de/uelzen/bad-bodenteich/mission-aussichtsplattform-an-ehemaliger-ddr-grenze-bodenteich-vor-dem-verfall-retten-94499921.html

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