Fabian Tödter verließ als Absolvent die Schule in Dähre und kehrte nach der Ausbildung und einem berufsbegleitenden Studium zurück. Mit 27 Jahren ist er dort die jüngste Lehrkraft und glücklich über seinen Jobwechsel.
#Dähre. Als Fabian Tödter im Juli 2025 zum ersten Mal vor einer Schulklasse stand, schloss sich für ihn ein Kreis. Der 27-Jährige ist heute Lehrer an der Gemeinschaftsschule in Dähre – jener Schule, an der er selbst einst seinen Abschluss gemacht hat. Dass er dort nun auf der anderen Seite des Pults steht, war lange Zeit nicht geplant. Nach der 10. Klasse verlief sein Berufsleben in eine ganz andere Richtung: bei der Sparkasse Altmark West.

„Ich bin hier aufgewachsen, habe gerade eine Familie gegründet, ein Haus übernommen – das ist insgesamt eine sehr spannende Lebensphase“, sagt Tödter. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung bei der Sparkasse, arbeitete anschließend als Kundenberater und blieb dem Unternehmen über Jahre treu. Parallel absolvierte er ein berufsbegleitendes Studium der Finanzwirtschaft, das er 2024 erfolgreich abschloss. Fachlich und beruflich war er angekommen – und doch fehlte etwas.
„Der Job hat mir wirklich gefallen, und ich bin der Sparkasse unheimlich dankbar für alles, was ich dort gelernt habe“, betont er. „Aber irgendwann habe ich gemerkt: Mit 27 kann das noch nicht alles gewesen sein.“ Was fehlte, beschreibt Tödter mit einem Wort: Zündung. „Ich brauchte noch einmal ein neues Feuer.“
Der Gedanke an einen beruflichen Neuanfang reifte nicht über Nacht. Schon früher hatte er Interesse an der Arbeit mit Jugendlichen, insbesondere mit Heranwachsenden im Alter zwischen zehn und 16 Jahren. „Diese Phase ist herausfordernd, aber auch unglaublich spannend“, sagt er. Als dann an seiner alten Schule ein Lehrer für Wirtschaftslehre gesucht wurde, fügte sich vieles zusammen. Über Kontakte ins Kollegium kam er ins Gespräch – und wagte schließlich den Schritt.
Seit Juli 2025 ist Fabian Tödter als Seiteneinsteiger jüngster Lehrer in Dähre. Ein Seiteneinstieg bedeutet: kein klassisches Lehramtsstudium, sondern ein abgeschlossenes Fachstudium und der Einstieg über zusätzliche Qualifizierungen. „Für mich ist das ein kompletter beruflicher Wechsel – wirklich von Schwarz zu Weiß“, sagt Tödter. „Deshalb habe ich mir auch gesagt: Ich probiere es, aber nur richtig. Entweder es passt – oder eben nicht.“
Der Einstieg war intensiv. Da Tödter zu Beginn der Sommerferien anfing, nutzte er diese Zeit vollständig zur Vorbereitung. Grundlagenseminare in Magdeburg, Willkommenskurse in Halle, Fachliteratur, erste pädagogische Grundlagen – Theorie im Schnelldurchlauf. „Man versucht, am Anfang einfach so viel wie möglich aufzunehmen“, beschreibt er diese Phase. „Und trotzdem ist dann, wenn die Schule wirklich losgeht, alles anders.“
Noch vor dem Schuljahresbeginn lernte er das Kollegium und organisatorische Abläufe kennen, hatte Konferenzen und Schulungen. Dann begann er zu hospitieren – und übernahm schnell eigene Stunden. Zunächst vier Wochenstunden Wirtschaft, die im Laufe des Schuljahres schrittweise aufgestockt werden. Langfristig soll er ein volles Lehrpensum – 25 Unterrichts- und eine Vorgriffsstunde – erreichen. Zusätzlich ist er verpflichtet, 200 Weiterbildungsstunden zu absolvieren – über Präsenz- oder Onlineangebote, etwa zu Elterngesprächen, politischer Neutralität oder Unterrichtsaufbau.
Dass ihm ein pädagogisches Studium fehlt, verschweigt Tödter nicht. „Natürlich fehlen mir an manchen Stellen noch das Fingerspitzengefühl und bestimmte pädagogische Routinen“, sagt er offen. Gleichzeitig bringt er etwas anderes mit: langjährige Erfahrung im Umgang mit Menschen, Konflikten und Kommunikation. „Zehn Jahre Kundenverkehr sind auch eine Schule.“ Die Arbeit als Lehrer empfindet er als erfüllend – aber deutlich fordernder als viele vermuten. „Der Aufwand ist viel größer, als ich es erwartet habe“, sagt er. Der Unterricht selbst sei Vollkontakt von morgens bis mittags, dazu komme die umfangreiche Vor- und Nachbereitung zu Hause. „Vier bis fünf Stunden Vorbereitung am Tag sind keine Seltenheit. Wer glaubt, mit 13 Uhr endet der Arbeitstag, irrt gewaltig.“
Besonders wichtig ist Fabian Tödter die Haltung gegenüber den Schülern. Er beobachtet mit Sorge, dass Leistungsansprüche in den vergangenen Jahren gesunken seien.
„Wenn 40 Prozent zum Bestehen reichen und Kinder sagen, das genügt doch, dann läuft etwas schief.“ Bildung müsse wieder stärker vermitteln, warum Wissen und Anstrengung relevant sind. Gerade in Fächern wie Wirtschaft oder Mathematik gehe es nicht nur um Inhalte, sondern um Kompetenzen fürs Leben. „Prozentrechnung begleitet uns jeden Tag.“
Was man für den Lehrerberuf mitbringen müsse? „Man muss ein bisschen positiv bekloppt sein“, sagt Tödter und lacht. Gemeint ist: Belastbarkeit, Souveränität, Lösungsorientierung – und die Fähigkeit, nicht nachtragend zu sein. „Schule ist ein Dauergewitter. Konflikte, Emotionen, Herausforderungen prasseln ständig auf einen ein. Das muss man sortieren können.“
Trotz aller Herausforderungen bereut er seinen Schritt nicht. Im Gegenteil: „Ich habe meine intrinsische Motivation wiedergefunden.“ Besonders wichtig ist ihm dabei die regionale Perspektive. Viele junge Menschen verließen Sachsen-Anhalt für Studium oder Ausbildung – und kämen nicht zurück. „Wenn man möchte, dass Menschen hierbleiben, muss man attraktive Bedingungen schaffen“, sagt er. Dazu zähle auch eine praxisnähere, dualere Lehrerausbildung. Heißt: Theoretische Ausbildung an der Uni und parallel dazu Unterrichten an einer Schule in der Heimatregion. Das baue Bindung auf und verhindere, dass Studenten erst nach einem mehrjährigen Studium feststellen müssen, dass sie für den eigentlichen Job mit den Kindern nicht gemacht seien.
Für den Lehrerberuf macht Fabian Tödter bewusst Werbung. Sein Wunsch: mehr Anerkennung, bessere Rahmenbedingungen und eine ehrliche Aufklärung über den Beruf – jenseits von Klischees. „Es ist kein ruhiger Job. Aber ein unglaublich wichtiger.“ Ein Punkt, der sich auch für ihn bereits verbessert habe: Kurse und Weiterbildungen für Lehrkräfte gibt es neuerdings auch an der Kreisvolkshochschule des Altmarkkreises und nicht mehr nur in Magdeburg und Halle.
Dass er diesen Weg gegangen ist, bereut er keine Sekunde – betont er mehrfach und schwärmt von der Atmosphäre, den Schülern und Kollegen an der Einrichtung in Dähre. Aus dem Sparkassenmitarbeiter ist ein Lehrer geworden, der nicht nur Fachwissen vermittelt, sondern Erfahrungen aus dem echten Berufsleben einbringt. Und der genau dort wirkt, wo er selbst geprägt wurde – in seiner Heimat.
