Am 18. November 1989 genau um 6 Uhr ist die Grenze zwischen Schmölau und Schafwedel geöffnet worden. 30 Jahre später trafen sich mehr als 50 Teilnehmer vor Ort zu einer Andacht und dann zum Erzählen.

Schmölau/Schafwedel l Nebelig und feucht ist es an diesem Montagmorgen. Aber wesentlich wärmer als vor drei Jahrzehnten, erzählen die Älteren auf der Wiese nahe der einstigen innerdeutschen Grenze. Feuerwehrleute aus Schmölau und Schafwedel haben diese ausgeleuchtet, sorgen auch für Sicherheit an der Straße.

Rund 50 Teilnehmer aus Schmölau, Schafwedel und darüber hinaus kamen gestern zum Gottesdienst früh um 6 Uhr an die einstige Grenze zwischen Schmölau und Schafwedel. Hier öffnete sich der Durchgang vor genau 30 Jahren. Fotos: Anke Pelczarski VOLKSSTIMME

Zum dritten Mal feiern die Nachbarn hier eine Andacht, weil sie sich auf diese besondere Weise an den 18. November 1989 erinnern wollen, als der Weg zueinander endlich frei war. Die Worte „Dass ich das noch erleben darf“ seien in jener Zeit sehr oft ausgesprochen worden, blickt Dähres Pfarrer Silvio Scholz zurück. Wieder präsent sei die Aussage von Günter Schabowski, der vor gut 30 Jahren die Gültigkeit der neuen DDR-Reiseregelung als „ab sofort“ verkündete. „Die Leute haben sich auf den Weg gemacht. Denn zu DDR-Zeiten sollten Wort und Tat eine Einheit bilden“, merkt der Pfarrer mit einem Augenzwinkern an.

Der Posaunenchor Bergen/Dumme, dem auch Altmärker musizieren, spielte während der Andacht. Fotos: Anke Pelczarski VOLKSSTIMME

Seine Generation, sagt Silvio Scholz, die in der DDR aufgewachsen sei, habe „ein massives Identitätsproblem“. Denn nach dem Leben im „schönsten Freigehege der Welt“ habe es kaum Zeit gegeben, sich davon zu verabschieden. Man sei quasi vom Neuen und auch der Marktwirtschaft überrollt worden. „Wenn wir in diesem Land miteinander leben und dieses gewinnbringend gestalten wollen, dann geht das nicht ohne Verständnis füreinander und den Ausgleich der Interessen“, sagt der Pfarrer. Man müsse aufeinander hören und miteinander reden. Er fügt hinzu: „Ich bin dankbar, in einem Land zu leben, wo die Stärke des Rechts jedem die Möglichkeit gibt, in Selbstbestimmung zu leben.“

Aus spontaner Feier erwächst eine Freundschaft

Nach der Andacht geht es wie vor 30 Jahren in den Saal des Landgasthauses Schafwedel. Dort gibt es nicht nur ein stärkendes Frühstück, sondern auch Zeit zum Erzählen und zum Erinnern. „Wir haben gerade den

Dietrich Ritzmann

60. Geburtstag meines Mannes Horst gefeiert, als wir von der Grenzöffnung erfahren haben“, berichtet Lisa Kriebel aus Bad Bodenteich. Als die Party zu Ende gewesen sei, hätten sie das restliche Essen zusammengepackt und seien nach Schafwedel gefahren. „Es war eine schöne Stimmung. Wir haben unsere Verwandten wiedergesehen“, fügt sie hinzu. Ihre Mutter stammte aus Schmölau. Trotz des kleinen Grenzverkehrs sei ein Besuch in dem Dorf nicht möglich gewesen. Stattdessen habe man sich in Salzwedel getroffen.

Auch Peter und Sigrid Ledderboge aus Dähre waren 1989 bei der Grenzöffnung dabei – und brachten Rotkäppchensekt mit. „Werner Schulz, damals Bürgermeister in Schafwedel, hat uns spontan in seine Küche eingeladen“, blickt Sigrid Ledderboge drei Jahrzehnte zurück. „Wir haben Wurst mit zugesteuert“, ergänzt Lieselotte Faescke aus Dähre, die mit ihrem Mann Walter die besonderen Stunden miterlebt hat.

Für Darius Luca Schenk aus Bergen/Dumme, 2001 geboren, ist der Vormittag eine besondere Zeitreise. „Ich möchte gern mehr über die Geschichte erfahren, die so vieles verändert hat“, sagt er und hört aufmerksam zu. Mehr wissen wollen auch die Berliner Tamara Vogt und ihr Mann. „Wir haben die Wende verpennt. Durch Zufall sind wir im Sommer hier in die Region gekommen, haben Schmölau entdeckt und uns in den Ort verliebt“, schildert sie. Das Ehepaar habe „das Herz an die hiesigen Leute verloren, weil sie sehr herzlich sind. Das Zusammenwachsen ist ehrlich.“

Dietrich Ritzmann vom Swinmark Grenzlandmuseum Göhr erinnert an die Zeit der Teilung: den Beginn des kleinen Grenzverkehrs im Jahr 1972 in Bergen, den Aussichtspunkt auf der Müssinger Höhe, DDR-Grenzschilder, die viel Taschengeld einbrachten… Die Gäste steuern ihr Wissen bei.

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