Als am frühen Morgen des 18. November 1989 der Grenzübergang zwischen Schrampe und Schmarsau geöffnet wurde, machten sich viele Menschen aus der Region auf den nun kürzeren Weg in Richtung Westen. Unser Autor fuhr in die Gegenrichtung – zu einem unvergesslichen und ein bisschen erfolglosen Trip nach Arendsee.

Mit dem kleinen Golf in Richtung Grenzübergang – Start zu einem sehr spontanen Kurzausflug nach Arendsee und zur ersten Fahrt durch das frühere Sperrgebiet. © Markus Wölk (3)

#Arendsee / #Schrampe – Der Arendsee war für mich und viele meiner Freunde immer so eine Art Sehnsuchtsort. Für uns Jugendliche im Wendland ebenso unerreichbar wie Bali oder die Seychellen. Ich hatte Mitschüler in Schmarsau, und wenn wir uns dort trafen, machten wir immer eine Tour die Straße nach Schrampe hinunter, die für uns damals, in den 1980er-Jahren, an einem rot-weißen Balken endete. „Achtung, Grabenmitte Grenze“, mahnte ein kleines Schild uns davor, weiter als erlaubt in Richtung Zaun zu gehen. In einiger Entfernung sahen wir die Dächer von Schrampe – ein für uns tatsächlich unerreichbarer Ort im Sperrgebiet.

Eine „kleine Weltreise“ nach Arendsee

Tatsächlich war ich 1989 an einem Samstag im Juli das erste Mal zusammen mit meiner damaligen Freundin am Arendsee – der kleine Grenzverkehr machte es möglich. Die Tour über den Grenzübergang Bergen nach Salzwedel und dann weiter nach Arendsee kam mir damals wie eine kleine Weltreise vor. Ich kann mich noch daran erinnern, dass an der Strandgaststätte ein Schild stand, das eine Disco für den Abend ankündigte. Als wir gegen 20 Uhr dort hingingen, kamen uns allerdings schon einige Jugendliche enttäuscht entgegen und informierten uns, dass die „Disco nicht gekommen ist“. Das war mein erstes Zusammentreffen mit dem Konzept der „rollenden Disco“, das ich so nicht kannte. Lange hätten wir eh nicht bleiben können, denn spätestens um Mitternacht mussten wir wieder ausgereist sein, und der Rückweg nach Bergen nahm inklusive Sperrgebiets- und Grenzkontrolle mehr als zwei Stunden in Anspruch.

Der Autor verschafft sich einen Überblick am 18. November am neuen Grenzübergang.

Für uns war aber trotzdem klar: Da fahren wir im nächsten Jahr wieder hin. Haben wir gedacht. Aber dann kam erst der 9. und dann der 18. November. Letzteres war der Samstag, an dem 6 Uhr morgens der Zaun zwischen Schrampe und Schmarsau geöffnet und ein improvisierter Grenzübergang eingerichtet wurde. Ich erinnere mich an einen sonnigen, aber sehr kalten Morgen. Den verbrachte ich allerdings zunächst in Lüchow – die Feuerwehren aus der Umgebung waren am zweiten Wochenende nach der Grenzöffnung in der kleinen Kreisstadt eingesetzt, um das Verkehrschaos zumindest ein bisschen in den Griff zu bekommen.

Gegen Mittag wurden wir abgelöst und ich konnte endlich mit ein paar Freunden nach Schmarsau fahren. Der ganz große Ansturm war da schon vorbei, inzwischen tröpfelten nur noch ein paar Nachzügler über den neuen Grenzübergang, und die ersten Trabbis und Wartburgs fuhren wieder zurück in Richtung Schrampe. Für uns war immer noch an der Grabenmitte Schluss, denn die Grenze war nur aus einer Richtung offen. Und dann fiel mir ein, dass ich den Reisepass mit dem „Mehrfachberechtigungsschein“ immer noch im Handschuhfach meines Golfs liegen hatte. Und sehr spontan beschloss ich, „mal schnell nach Arendsee zu fahren, um Kuchen für uns zu besorgen.“ Rückblickend betrachtet eine ziemlich dämliche Idee.

Ab dem 24. Dezember 1989 reichte der Reisepass für Fahrten in Richtung Salzwedel und Arendsee.

Aber erstmal kratzten wir 25 D-Mark zusammen, denn so improvisiert der Grenzübergang auch war, der Mindestumtausch in 25 DDR-Mark wurde auch an diesem Tag verlangt. Ich weiß auch nicht, wer verdutzter aus der Wäsche schaute: die BGSler auf der westlichen oder die Grenzer auf der östlichen Seite, als ich mit meinem kleinen Golf über den schnell verlegten Plattenweg holperte, den Zaun passierte und mich den in der Nacht eilig aufgestellten Armeezelten näherte. Immerhin, die Kontrolle verlief deutlich schneller, als ich es gewohnt war, und schon fuhr ich weiter in Richtung Schrampe. Das erste Mal kam ich durch das Dorf, von dem ich bisher nur die Dächer kannte, es ging vorbei an der Sperrgebietskontrolle am Friedhof weiter nach Arendsee.

Ein Gefühl von Freiheit und Aufbruch

In ein nahezu leeres Arendsee, um genau zu sein. Es waren kaum Menschen auf der Straße – kein Wunder – viele waren ja frühmorgens in die entgegengesetzte Richtung gefahren. Und natürlich gab es auch nirgendwo Kuchen zu kaufen. Aber das war eigentlich auch egal. Vor ein paar Monaten stand ich am Arendsee, blickte Richtung Zießau und dachte, dass ich diesen Teil des Sees wohl nie besuchen werde. Und nun fuhr ich durch das ehemalige Sperrgebiet, und keine Reise nach Bali hätte mir das gleiche Gefühl von Freiheit und Aufbruch geben können.

Die 25 Mark habe ich dann etwas später ausgegeben. In der Nacht zum Heiligabend. Erst im Kulturhaus in Salzwedel, dann in der legendären Disco „Lipsy“. Und offensichtlich, so habe ich beim Blick in meinen alten Reisepass festgestellt, sind wir auch noch nach Arendsee gefahren. Ich weiß nicht, ob es am Cuba Libre im „Lipsy“ lag (eine interessante Mischung aus Club Cola und Hansen Rumverschnitt aus dem Aldi), aber an den Teil unseres nächtlichen Ausflugs habe ich irgendwie keine Erinnerungen mehr.

Quellenangabe: VON MARKUS WÖLK Altmark Zeitung vom 18.11.2025, Seite 6

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